Die Neustrukturierung der Notfallversorgung in Deutschland muss den Blick auch auf eine zunehmend wichtige Patientengruppe lenken: die älteren wie auch kognitiv eingeschränkten Notfallpatienten und ihre An- und Zugehörigen. Knapp ein Drittel aller Patienten in Notaufnahmen ist über 70 Jahre alt. Notaufnahmen im Krankenhaus fungieren oftmals als wegweisende Weichensteller für die anschließenden stationären oder auch ambulanten weiterführenden Versorgungsprozesse. Unter den gegenwärtigen Zuständen ist es für die Krankenhäuser besonders herausfordernd, eine bedarfsgerechte und qualitativ hochwertige Versorgung älterer Patienten in den Notaufnahmen sicherzustellen.

 

Positionspapier des DEKV Älterer Notfallpatient

Patientenpfad Ältere Patienten in der Notaufnahme

Die Reform der stationären und ambulanten Notfallversorgung in Deutschland muss eine zunehmend wichtige Patientengruppe in den Blick nehmen: die älteren wie auch kognitiv eingeschränkten Notfallpatienten und ihre An- und Zugehörigen. Sie umfassend und patientenzentriert zu versorgen, ist eine Verpflichtung aus unserem diakonisch-christlichen Auftrag, der wir uns täglich stellen. Für evangelische Krankenhäuser ist es selbstverständlich, dass jede Patientengruppe bestmöglich versorgt wird. Auch jene Menschen, die auf besondere Hilfe angewiesen sind und eventuell die zeitlich eng getakteten Abläufe im Krankenhaus durcheinanderbringen. Die Versorgung von Patienten mit besonderen Behandlungsansprüchen ist für das medizinische und pflegerische Personal herausfordernd. Die Schwierigkeiten, die in der Behandlung von älteren wie auch kognitiv eingeschränkten Notfallpatienten auftreten können, sind vielfältig. Doch viel zu oft rücken diese Schwierigkeiten in den Vordergrund und lassen uns den Menschen dahinter vergessen.

Die Forderungen des DEKV für eine bedarfsgerechte Versorgung älterer Notfallpatienten

Die Besonderheiten und Bedürfnisse der älteren sowie multimorbiden Notfallpatienten können in der derzeitigen klinischen Notfallversorgung nicht ausreichend berücksichtigt werden. Es gilt, die vielfältigen Herausforderungen zu meistern, um eine bedarfsgerechte Versorgung sicherzustellen.

Der Deutsche Evangelische Krankenhausverband (DEKV) stellt sich dieser Aufgabe. Allerdings müssen die Rahmenbedingungen dafür stimmen.

 

Deshalb fordert der DEKV:

  1. die alterssensible Anpassung von Strukturen, Prozessen und Unterstützungsinstrument in Notaufnahmen und ihre sachgerechte Finanzierung
  2. die geriatrische/gerontopsychiatrische Kompetenzentwicklung aller Mitglieder im Behandlungsteam und ihre regelhafte Refinanzierung
  3. die Einführung eines altersstratifizierten Zuschlags zusätzlich zum Notfallstufenzuschlag, um den höheren Aufwand im Behandlungsteam auszugleichen
  4. die Etablierung eines Moduls „Ältere Menschen“ > 65 Jahre im stationären Stufensystem, das ergänzend zu den Notfallstufen vereinbart werden kann
  5. das DRG-System dahingehend anzupassen, dass der erhöhte Aufwand bei Koordination, Begleitung und Kommunikation für die Behandlung komplexer Krankheitsbilder älterer Notfallpatienten über ein Zusatzentgelt erstattungsfähig ist.
  6. mehr öffentliche Mittel für die Forschung und für die Entwicklung guter, valider Instrumente zur Risikostratifizierung älterer Notfallpatienten
  7. die Steigerung der öffentlichen Projektmittel für Versorgungsforschung für ältere Notfallpatienten

 

Jeder zweite notärztlich versorgte Patient ist älter als 65 Jahre

Unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen ist es für die Krankenhäuser besonders herausfordernd, eine bedarfsgerechte und qualitativ hochwertige Versorgung älterer Notfallpatienten sicherzustellen. Dabei ist mittlerweile bereits jeder zweite notfallmedizinisch versorgte Patient älter als 65 Jahre. Knapp ein Drittel aller Patienten in Notaufnahmen ist über 70 Jahre alt. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA). Ein weiteres Ergebnis: Der stärkste prozentuale Zuwachs von Notfallpatienten hat in den Jahren von 2010 bis 2013 in der Altersgruppe der über 90-Jährigen stattgefunden (21 Prozent). Und: Den in absoluten Zahlen stärksten Anstieg verzeichneten die 70- bis 79-Jährigen.

Komplexe Krankheitsbilder

Im Unterschied zu den Jüngeren bleiben ältere Notfallpatienten länger in der Notaufnahme. Bei ihnen besteht eine überdurchschnittliche Wahrscheinlichkeit, dass eine dringende Behandlungsindikation vorliegt.

Der ältere Patient braucht vom gesamten Notaufnahmeteam oft eine deutlich intensivere Betreuung und Überwachung. Sind zusätzlich Nebendiagnosen wie kognitive Beeinträchtigungen, Depression, eingeschränkte Mobilität und körperliche Behinderungen vorhanden, benötigt er beispielsweise Hilfe beim An- und Ausziehen oder beim Toilettengang. Zwei besondere Herausforderungen sind Demenz und Delir (siehe Infokasten). Verwirrte oder orientierungslose Patienten erfordern mehr Aufmerksamkeit des Pflegepersonals. Eine erschwerte Kommunikation bei Anamnese und ärztlicher Untersuchung können umfangreichere, aufwändigere und schwierigere allgemeine Diagnostik erfordern (MRT sowie Sonographien und Echos). Multimedikation und fehlende Informationen darüber erschweren zusätzlich die Notfallbehandlung. Daher sind deutlich mehr Krankenhausressourcen bei der Betreuung und Therapie erforderlich.

Insbesondere die komplexe Kombination aus Mehrfacherkrankungen und eingeschränkter Kommunikation bei älteren Patienten stellt eine Herausforderung dar, die eine gute Koordination vom Team der Notaufnahme erforder

Zahlen und Fakten zum alten Notfallpatient

  • Mehr als 9 Millionen Notfallpatienten werden in Krankenhäusern jährlich stationär aufgenommen, ein Drittel davon ist älter als 70 Jahre.
  • Bei alten Notfallpatienten besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit für kognitive Einschränkungen wie Demenz und Delir, dadurch sind sie eingeschränkt kommunikationsfähig und verhalten sich häufig herausfordernd.
  • Sie verweilen länger in der Notaufnahme, ein höherer Ressourceneinsatz ist notwendig.
  • Komplexe Krankheitsbilder sind eine Herausforderung in der Notaufnahme, wichtig sind eine gute Symptomerkennung und die Koordination der Fachdisziplinen.
  • Notwendig ist mehr Zeit für Pflege, Betreuung und Kommunikation – sowohl für die Patienten als auch für ihre Angehörigen.

Eine qualitativ hochwertige Versorgung zeichnet sich dadurch aus, dass sie an den Bedürfnissen und Präferenzen der Patienten ausgerichtet ist. Das ist besonders bei alten Notfallpatienten relevant.