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Praxisorientiertes Konzept für die
qualifizierte Versorgung von Menschen
mit Behinderung
18. Februar 2025
Das ist nicht mein Zimmer und was sind das für Geräusche? Ich habe Angst. Ich will hier weg!
Seine angeborene Intelligenzminderung sorgt dafür, dass Herr Müller seine Umgebung nicht erkennt und nicht angemessen auf die ungewohnte Situation der Unterbringung im Krankenhaus reagieren kann. Mit fahrigen, unsicheren Bewegungen versucht er, aus dem Bett aufzustehen. Herr Schneider, der aufgrund der besonderen Bedürfnisse des Patienten als Pflegefachkraft zur 1:1-Betreuung abgestellt ist, geht auf dieses Verhalten ein.
„Herr Müller, Sie müssen keine Angst haben. Sie sind im Krankenhaus und ich bin Herr Schneider. Ich kümmere mich hier um Sie“, spricht er den Patienten ruhig und mit einfachen Worten an. Herr Müller schaut Herrn Schneider an und erkennt ihn. „Kann ich Ihnen helfen, sich wieder bequem hinzulegen?“, fragt Herr Schneider. Herr Müller zögert kurz und nickt.
Müssen Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen oder schweren Behinderungen im Krankenhaus behandelt werden, haben sie besondere Bedarfe – sie brauchen mehr Betreuung, Diagnosen müssen von verschiedenen Fachärzt:innen interdisziplinär gestellt werden und auch die Kommunikation muss auf ihre Möglichkeiten abgestimmt sein. Doch nur wenige Krankenhäuser in Deutschland sind auf diese besonderen Bedarfe eingestellt. Insbesondere ist das ärztliche und pflegerische Personal oft nicht für den Umgang mit dieser Patient:innengruppe geschult. Daher können Menschen mit intellektuellen Einschränkungen oder Behinderungen oft nur in weiter entfernten Krankenhäusern behandelt werden, die auf ihre besonderen Bedarfe eingestellt sind. Zudem sind die Behandlungskapazitäten in diesen Häusern begrenzt. Im Krankheitsfall sind dies zusätzliche Belastungen für die Patient:innen und ihre An- und Zugehörigen. Um diese Situation zu verbessern, besteht Handlungsbedarf. Gefragt ist eine Allianz aus Politik, den Fachgesellschaften, der Selbstverwaltung und den Betroffenenverbänden – im Grunde unsere gesamte Gesellschaft.
Unser Zielbild
Evangelische Krankenhäuser setzen sich aufgrund ihres christlichen Menschenbildes für eine gleichwertige und respektvolle Behandlung aller Patientinnen und Patienten ein und haben weitreichende Erfahrung in der Versorgung von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung und schweren Mehrfachbehinderungen. Basierend auf dieser Expertise haben sich die evangelischen Krankenhäuser und der Deutsche Evangelische Krankenhausverband (DEKV) das Ziel gesetzt, ein Gesamtsystem zur qualifizierten Versorgung von Menschen mit Behinderungen zu entwickeln. Eine zentrale Rolle spielen dabei Zentren für Inklusive Medizin. Für eine größtmögliche Praxisorientierung des Konzepts fließt die Expertise von Medizinerinnen und Medizinern, Pflege und weiteren Vertreterinnen und Vertretern der Gesundheitsfachberufe aus den evangelischen Krankenhäusern ein.
Patientenkollektiv in der Konzeption für die qualifizierte Versorgung von Menschen mit Behinderung
• Liste der Leitdiagnosen
• Liste der alternativen Leitdiagnosen
• Liste der alternativen Leitdiagnosen (lang)
So sind wir vorgegangen
Im ersten Projektschritt haben wir das hier vorgestellte Konzept orientiert an der Zentrums-Regelung nach § 136 c Abs. 5 SGB V entwickelt. Die Zentren für Inklusive Medizin sollen die Behandlungsqualität für die 1,9 Millionen Menschen mit Bewegungsstörungen, geistiger- und/oder seelischer Behinderung in der Gesamtversorgung spür- und messbar verbessern, die Versorgung von Menschen mit schweren Behinderungen stärken und weiterentwickeln.
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Nächste Schritte
In 2025-2026 erarbeiten Fachexpert:innen aus den evangelischen Krankenhäusern unter der Moderation des DEKV Vorschläge zur Verbesserung und Stärkung der Regelversorgung für Menschen mit Behinderungen. So entsteht ein Gesamtsystem zur qualifizierten Versorgung von Menschen mit Behinderungen. Die Qualitätskriterien und Vorschläge zu notwendigen Strukturen und Prozessen werden mit konkreten Umsetzungsvorschlägen für eine Refinanzierung und Vergütung einhergehen müssen. Diese sollen den erhöhten Ressourcen-, Personal- und Zeitaufwand innerhalb des Krankenhausbudgets abbilden. Beide Projektphasen sind als Konsensusverfahren konzipiert und werden einem Reviewprozess unterworfen, zu dem Vertreter:innen der Ärzteschaft, Pflege, Psychologie und Diakonie sowie von Betroffenenverbänden, Leistungserbringern, Kostenträgern und Sozialverbänden eingeladen sind.
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1 Statistisches Bundesamt: Schwerbehinderte Menschen am Jahresende. Stand 19.7.2024. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/ Gesundheit/Behinderte-Menschen/Tabellen/geschlecht-behinderung.html (Zugriff am 01.08.2024)
2 Committee on the Rights of Persons with Disabilities. Concluding observations on the combined second and third periodic reports of Germany. United Nations, 3. Oktober 2023
3 Bündnis deutscher Nichtregierungsorganisationen zur UN-Behindertenrechtskonvention (Hrsg.). Menschenrechte Jetzt! Gemeinsamer Bericht der Zivilgesellschaft zum 2. und 3. Bericht der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention durch Deutschland. Kassel. Stand Juni 2023